Über dieses Thema
Selbstliebe: was sie ist und was sie nicht ist
Selbstliebe ist einer der meistzitierten Begriffe in der Persönlichkeitsentwicklung — und einer der meistmissverstandenen. Deshalb zunächst eine Abgrenzung. Selbstliebe ist nicht: Narzissmus (die Unfähigkeit, andere wirklich zu sehen), Selbstgefälligkeit (Widerwille gegen Veränderung), Selbstmitleid (Verhaftung im eigenen Leid) oder Gleichgültigkeit gegenüber anderen.
Selbstliebe ist die Fähigkeit, dir selbst gegenüber genau das zu sein, was du einem guten Freund gegenüber wärst, der leidet: präsent, verständnisvoll, ehrlich, sanft und mutig zugleich. Kristin Neff, eine der führenden Forscherinnen zu Selbstmitgefühl (Self-Compassion), unterscheidet drei Komponenten: Mindfulness (Schmerz wahrnehmen ohne Dramatisierung), Common Humanity (erkennen, dass Leiden zum Menschsein gehört) und Self-Kindness (sich mit Freundlichkeit begegnen statt mit Selbstkritik) (DOI: 10.1177/0146167203256878).
Der Unterschied zwischen Selbstwert und Selbstliebe
Selbstwert (Self-Esteem) ist oft konditioniert und vergleichend. Er hängt davon ab, wie gut ich leiste, wie sehr ich gemocht werde, wie ich im Vergleich zu anderen abschneide. Wenn die Leistung sinkt oder eine Ablehnung kommt, bricht das Selbstwertgefühl ein.
Selbstliebe im Sinne von Selbstmitgefühl ist nicht von Bedingungen abhängig. Sie ist kein Verdienst. Sie ist das, was bleibt, wenn alles andere wegfällt: die Bereitschaft, auch mit sich selbst grundlegend in Kontakt zu bleiben — auch wenn man scheitert, sich irrt oder leidet. Metaanalysen zeigen, dass Selbstmitgefühl robuster mit psychischer Gesundheit zusammenhängt als klassisches Selbstwertgefühl — insbesondere bei der Regulierung von Scham, Angst und Selbstkritik (MacBeth & Gumley, DOI: 10.1016/j.cpr.2012.04.006).
Warum Selbstliebe so schwer ist
Wir haben gelernt: Wenn du dir selbst gegenüber hart bist, wirst du besser. Wenn du dich antreibst, wirst du mehr erreichen. Das stimmt manchmal. Aber für viele Menschen ist die permanente innere Kritik kein Antrieb, sondern ein Erschöpfungsprogramm. Sie erschöpft, beschämt und blockiert — und produziert selten das, was sie verspricht.
Gilbert beschreibt mit dem Compassion Focused Therapy-Ansatz, wie das innere Bedrohungssystem (Selbstkritik, Scham, Kampf-Flucht-Reaktion) durch Aktivierung des Beruhigungs- und Fürsorgesystems ersetzt werden kann (Gilbert, DOI: 10.1002/wps.20193). Selbstliebe ist in diesem Sinne kein Luxus. Sie ist ein physiologischer Zustand, der Kreativität, Neugier, Verbundenheit und echtes Lernen erst möglich macht.
Selbstliebe als Weg und als Praxis
Selbstliebe ist keine Ankunft, sondern ein täglicher Kontakt. Sie zeigt sich in kleinen Gesten: wie du mit dir redest, wenn du einen Fehler machst; ob du deinen Körper hörst, wenn er Erholung braucht; ob du Grenzen setzen kannst, auch wenn andere enttäuscht werden; ob du dir erlaubst, Freude zu haben, bevor alles perfekt ist.
Wer lernt, sich selbst wirklich zu begegnen — mit Ehrlichkeit und Wärme zugleich — verändert die Linse, durch die er das Leben wahrnimmt. Und damit verändert sich die Art, wie er liebt, sich einsetzt und mit anderen umgeht.